Der Wandel des deutschen Hochschulsystems PDF Drucken E-Mail

Der Wandel des deutschen Hochschulsystems: Eine Chance für lebenslanges Lernen am Beispiel der Therapie-Berufe

(Prof. Dr. Julia Sander, Rektorin der SRH-Fachhochschule Riedlingen) Die Orbtalschule feiert heute ihr 10-Jähriges Bestehen - zu dem ich auf das Herzlichste gratulieren möchte. Ich bedanke mich sehr für die Einladung von Ihnen, sehr geehrter Herr Fröhlich an diesem für Ihre Schule denkwürdigen Tag den Festvortrag halten zu dürfen. Warum gerade mir diese Ehre zuteil wurde? Wer weiß - vielleicht liegt es daran, dass sich Ihre Schule nun auf die nächsten 10 - hoffentlich- genauso erfolgreichen Jahre einstellen möchte. Wir werden sehen, welche Impulse ich dazu leisten kann.
Ihre Schule hat sich der Ausbildung von Physiotherapeutinnen und -therapeuten verschrieben. Als privater Anbieter von Bildungsleistungen ist dieses Jubiläum auch ein Beweis dafür, dass es Ihnen offensichtlich gelungen ist, das richtige Produkt - hier die Ausbildung - auf die entsprechende Nachfrage zu einem akzeptierten Preis treffen zu lassen.

- Sie sehen schon, ich bin von Hause aus Wirtschaftswissenschaftlerin -

Die Frage, die sich nun stellt lautet aber: Wie wird sich die Orbtalschule entwickeln müssen, wie wird sich Lernen überhaupt zukünftig gestalten? Gestatten Sie mir dazu einige Grobtrends darzulegen.

Dazu müssen wir uns jedoch zunächst - auch wenn das vielleicht etwas langweiliger sein mag - darauf einigen, wie die heute Situation zu kennzeichnen ist

Sie bewegen sich mit Ihrer Schule sowohl in der Gesundheitsbranche - denn dafür bilden Sie aus - , wie auch im Bildungswesen - denn das ist es, was Sie tun: Sie verhelfen Ihren Schülern zu mehr Wissen und Kompetenz.

Die Gesundheitsbranche ist gekennzeichnet durch folgende Trends:

  1. Die demographische Entwicklung zusammen mit der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und dem Fortschritt in der Medizin bringt es mit sich, dass die Einnahmen-/ Ausgabenschere weiter auseinander geht. D.h. das Gesundheitssystem in Deutschland war und ist nach dem jetzigen Prinzip nicht finanzierbar.
  2. Das ökonomische Prinzip hat Eingang in eine bislang "ökonomie-freie" Zone gefunden. Schon heute werden Prozesse rationalisiert, auf Kernkompetenzen fokussiert und Märkte segmentiert (nach zahlkräftigen und weniger zahlkräftigen) Neutraler ausgedrückt - Man versucht mit den nicht beliebig steigerbaren Finanzmitteln einen möglichst hohen Nutzen zu erzielen.
  3. Die Akteure in der Branche:
  • Ärzte
  • Krankenhäuser
  • Krankenkassen
  • Pharmaunternehmen
  • Apotheken
  • Phyiotherapeuten

Um nur die Wichtigsten zu nennen - befinden sich im Wettbewerb hauptsächlich innerhalb ihres Segmentes (also Arzt gegen Arzt - Apotheke gegen Apotheke) - manchmal jedoch auch untereinander (wer erbringt welche Leistung?). Die Wettbewerbsbedingungen werden dabei oftmals sehr schnell und unerwartet verändert.

Kommen wir zum zweiten Bereich dem Bildungswesen. Wir müssen auch hier ähnliche Faktoren heranziehen:

  1. Der demographische Faktor, zusammen mit dem internationalen Wettbewerb und der absoluten Zunahme an Wissen führt dazu, dass Bildung immer teurer werden wird. Der Staat kann sich dies jedoch immer weniger leisten. Die Excellenz-Initiative der Bundesregierung zeigt deutlich, dass - seitens des Staates - die beschränkten Mittel zielgerichteter eingesetzt werden sollen.
  2. Überhaupt haben Effizienzgedanken - und dies ist der 2. Punkt - Einzug gehalten ins deutsche Bildungswesen. So werden z.B. Studien zur Bildungsrendite durchgeführt, die der Frage nachgehen, wie sich die persönlichen Ausgaben für Bildung in Hinblick auf späteres Einkommen rechnen. Professoren sollen nach ihrer Leistung bezahlt werden und der Beamtenstatus steht insgesamt auf dem Prüfstand.
  3. Einzelne Bildungsanbieter - aber auch die verschiedenen Bildungsebenen z.B: Studium oder Ausbildung? - stehen zunehmend im Wettbewerb zueinander. Das Staatsmonopol auf Bildung ist aufgehoben.

Lassen Sie mich nun - indem ich die beiden Bereiche Bildung und Gesundheit zusammenführe - drei große Trends für die Zukunft der Ausbildung in den sog. Medinzinlaberufen ableiten:

1. Der Bologna-Prozess schreitet - ob gewünscht oder nicht - voran

Die Wissenschafts- und Bildungsminister der europäischen Länder haben sich zusammengetan - und zwar nicht nur zu zuerst in Bologna - um Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, dass Studierenden in Europa nicht nur problemlos von einer Universitität zu anderen wechseln und ihre Prüfungsleistungen mitnehmen können, sondern auch, dass Arbeitgeber in Europa Abschlüsse und Studiengänge verstehen und einordnen könnnen.

Das Ergebnis war die Umstellung von den bisherigen Diplom- und Magisterstudiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem. Das bedeutet, dass zukünftig der erste reguläre Studienabschluss ein Bachelor of Arts oder Science sein wird für alle Studiengänge bis auf die Ingenieure und Juristen, die bekommen eigene Abschlüsse - nämlich den Bachelor of Engeneering und den Bachelor of Law. Dieser erste Abschluss soll in der Regel bereits nach 3 Jahren erreicht werden. Das war gerade für die Deutschen ein wichtiger Punkt, denn ihre Hochschulabsolventen waren leider bislang immer die ältesten im europäischen Vergleich.

Nach diesem ersten Abschluss soll - so ist jedenfalls der Plan - die Großzahl der Absolventen ins Arbeitsleben entlassen werden. (Freilich auch um schneller als bislang Sozialversicherungsbeiträge und Steuern abzuführen) Nur die kleine Minderzahl, die sich ggf. für eine akademische Laufbahn entscheidet, wird direkt im Anschluss an das Bachelorstudium ein Masterstudium aufnehmen. Die anderen können dies durchaus auch zu einem späteren Zeitpunkt nachholen - so setzen bestimmte Masterprogramme gerade eine gewissen Zeit der Berufserfahrung voraus. Die Masterabschlüsse ermöglichen dann den Weg zur Promotion.

Die Unterscheidung von Fachhochschulen und Universitäten verwischt dabei beinahe völlig, denn beiden Hochschultypen (sowohl den eher anwendungsorientierten FHs wie den eher grundlagenorientierten Unis) steht es frei, sowohl Bachelor- wie auch Masterprogramme anzubieten.

Die Theorie hat viele Argumente auf ihrer Seite:

  • Verkürzung der Studienzeiten
  • Ein erster Abschluss, der gleichzeitig für einen Beruf qualifiziert
  • Reduktion der Anzahl der "Dauerstudenten" und der Abbrecherquote
  • Früher Eintritt ins Erwerbsleben
  • Durch internationale Bezeichnungen und Regelungen bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse und Studiengänge

Die Praxis jedoch zeigt zahlreiche Stolpersteine:

  • Wie steht es um die Integration unser dualen Ausbildungssysteme?
  • Wie lassen sich bestimmte Studiengänge tatsächlich in 6 Semestern zu einer ersten Berufsqualifikation führen? Hier haben vor allem die Ingenieure und Mediziner höchste Bedenken
  • Wo bleibt die bislang so erfolgreiche Profilierung der Fachhochschulen in Hinblick auf die Praxis? In 6 Semestern ist nämlich ernstlich kaum noch an längere Praxisphasen zu denken.
  • Welche Rolle und welchen Stellenwert bekommen die Fachschulen, die - z.B. im Fall der Medizinalberufen ebenfalls eine i.d.R. 3-jährige Ausbildung vorsehen.

2. Die Notwendigkeit zur Mobilität zwingt zu international anerkannten Abschlüssen

Es ist richtig, Arbeitnehmer sollte es möglich sein, zumindest innerhalb Europas ihre Berufe und zwar ihrer jeweiligen Ausbildung entsprechend ausüben zu können - andernfalls macht die Idee von Europa wenig Sinn.
In allen rechtlichen Vorschriften über die Ausbildung zu Ergo- Logo oder Physiotherapeuten ist daher - entsprechend der europarechtlichen Vorgaben - enthalten, dass im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse als gleichwertig anerkannt werden müssen.

Die Berufsverbände streben daher an, dass mittelfristig grundsätzlich die Akademisierung angestrebt wird bei Wegfall der jetzt noch notwendigen Berufsausbildung. Diese dann akademische Ausbildung soll konsequent an den Vorgaben von Bologna gestuft in Bachelor- und Masterstudiengängen organisiert werden.

Davon sind wir jedoch heute noch - leider - weit entfernt. Die derzeit bestehenden Angebote verlangen alle neben der Hochschulzugangsberechtigung (Abitur oder Fachhochschulreife) auch die Berufsqualifikation - also letzlich die Ausbildung, die hier an der Orbtal-Schule erworben wird.

Wenn wir jedoch das europäische Ausland genauer ansehen, so ist Ihre Ausbildung in nahezu allen (bis auf Kroatien und noch in Teilen der Ostschweiz) auf akademischen bzw. universitären Niveau angesiedelt und dauert zwischen 3 und 4 Jahren.

Die Fachleute gehen davon aus, dass die Sonderrolle Deutschland nicht mehr lange aufrecht gehalten werden kann. Dies zeigt sich auch in der stark zunehmenden Anzahl von deutschen Studierenden z.B. in Holland an der Hogeschool van Utrecht und den vielen Kooperationen, die deutschen mit ausländischen Hochschulen eingehen, um dann einen solchen akademischen Titel verleihen zu können.

Sollte jedoch die Akademisierung der Gesundheitsberufe in Deutschland nicht sehr schnell voranschreiten, so befürchte ich zahlreiche, fundamentale Nachteile gerade z.B. für deutsche Physiotherapeuten:

  • Das Berufsbild wird weniger attraktiv - gerade für Begabte
  • Es fehlt an fachübergreifenden Schlüsselqualifikationen
  • Für deutsche Physiotherapeuten gibt es kaum Chancen sich im europäischen Ausland zu betätigen
  • Leitungspositionen können nicht eingenommen werden
  • Forschung in diesem Bereich wird auf die unterschiedlichen universitären Fakuläten aufgeteilt. Eine eigenständige Forschungstradition für Therapieberufe wird es nicht geben - was wiederum Fortschritt und Ansehen in und von diesen Berufen schadet.

Kommen wir nun zum 3. Trend:

3. Betriebswirtschaftlich Wissen und Know-How wird zum Überlebensfaktor Nr. 1 im Gesundheitswesen

Von den ca. 80.000 in Deutschland in 2005 beschäftigten Physiotherapeuten arbeiten etwas weniger als die Hälfte in ambulanten Einrichtungen bzw. Praxen. Sie sorgen dafür, dass Patienten zur Behandlung dort hin kommen, sie organisieren Arbeitsabläufe, sie rechnen ihre Leistungen mit Krankenkassen oder auch privat ab, sie suchen nach neuen Angeboten und kontrollieren, ob die Finanzen noch stimmen. Denn sie müssen Löhne und Mieten bezahlen, mit Anzeigen auf sich aufmerksam machen, Materialien einkaufen, diese lagern und natürlich auch Gerätschaften anschaffen und wahrscheinlich auch mit der einen oder anderen Bank verhandeln.

Mit anderen Worten: Sie führen ein Unternehmen.

Nur die wenigsten haben in ihrer Ausbildung betriebswirtschaftliche Know-How erworben. Im Gegenteil: Es ist mir bewußt, dass viele junge Erwachsene gerade diesen Beruf wählen, weil sie - vermeintlich - meinen, hier von der schnöden Erbsenzählerei unbehelligt arbeiten zu können.

Wir haben wir es dabei in erster Linie auch mit einem kulturellen Problem zu tun. Wohingegen in den USA Unternehmertum als eine höchst angesehen und weitaus verbreitete Tugend angesehen wird, so scheinen hierzulande die Vorbehalte doch noch vergleichsweise groß. Offensichtlich ist es in den Augen vieler Menschen weniger anrüchig Geld für eine (Bildungs)Leistung von einer anonymen Institution wie Krankenkassen oder letztlich dem Staat zu nehmen als direkt vom Kunden oder Patienten. Schade eigentlich, denn wer seine Arbeit gut macht, sollte sich darüber freuen, wenn er dafür auch direkt honoriert wird.

Wir Hochschulleute sind leider auch nicht anders: Halten wir doch die Freiheit von Wissenschaft und Lehre vor allem dann besonders hoch, wenn es darum geht, dass auch ökonomisch verwertbare Ergebnisse unserer Arbeit erwartet wird.

Auch wir müssen uns der Herausforderungen stellen, die lauten:

  1. Absolventen zu entlassen, die bestmöglich auf die jetzigen und zukünftigen Herausforderungen ihres Berufsleben gerüstet sind
  2. Wissen zu generieren, das tatsächlich dafür geeignet ist, Fortschritt - und zwar nicht nur im naturwissenschaftliche Sinne - sondern im umfassenden Sinne: Fortschritt für die Menschen zu ermöglichen.

Die aufgeführten Entwicklungstrend stehen - und damit komme ich zur Conclusio - unter einem Motto. Auch wenn dies sicherlich von keinem der jeweiligen Akteure unbedingt so gesehen wurde - letztlich sprechen wir immer von lebenslangem Lernen.

Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass nur wem es gelingt, sich auf sich abzeichnende Veränderungen kreativ und vorausschauend einzustellen wird bei Verändungen des Systems überleben. Das System wird sich verändern und zwar in Hinblick darauf, dass Therapieberufe zukünftig an Hochschulen zu erlernen sind. Das zweistufige Bachelor- und Master-System ist geradezu ideal dafür geeignet, erlaubt es doch einen ersten Berufsabschluss bereits nach 3 Jahren. Dadurch, dass damit auch der Weg zum Master - und zwar unabhängig davon, wann im persönlichen Lebensweg dieser angegangen werden soll - eröffnet ist, schafft individuelle Freiheiten, wissenschaftliche Erkennisse und die Chance in jedem Lebensabschnitt das passende Bildungsangebot wahrnehmen zu können.

Inhaltlich werden es - neben den wissenschaftlichen Fachinhalten - jedoch besonders die betriebswirtschaftlichen Erkenntnisse sein, die es Physiotherapeuten in der Zukunft gestattet, nicht nur fachlich hervorragende Arbeit zu leisten, sondern dies auch für sie persönlich in einer angemessenen wirtschaftlichen Situation zu tun.

Die Fernfachhochschule Riedlingen hat sich auf diese oben dargestellten Trend eingestellt. Wir bieten seit dem 1.3.06 einen Bachelor-Studiengang Gesundheits- und Sozialwirtschaft mit Schwerpunkt Therapy Management an. Dieser Studiengang ist berufs - oder ausbildungsbegleitend im Fernstudium in 6 Semestern zu absolvieren. Die Präsenzphasen können an einem unserer 10 Studienzentren in Deutschland besucht werden. Inhaltlich werden auf der Basis solider betriebswirtschaftlicher Kenntnisse die Besonderheiten, die mit dem Führen von therapeutischen Praxen aber auch z.B. integrierter Versorgungseinrichtungen einhergehen vertieft. Praxisphasen sollen dazu beitragen, dass dieses Wissen auch umgehend angewandt werden kann.

- soviel zum Werbeblock -

Sie können mir und meinen Kollegen Glauben schenken, wenn wir Ihnen schon heute klar darlegen, dass es zukünftig keinen einzigen Beruf im Gesundheitswesen mehr geben wird, der frei von wirtschaftlichem Denken sein Kunst entfalten kann. Es wird vielmehr so sein, dass nur wer die wirtschaftlichen Grundbegriffe und Wirkungsweisen versteht und anwenden kann überhaupt in der Lage sein wird, seine Kunst ausüben zu dürfen.

Bei der Taufe der Gorch Fock wurde gesagt: Seefahrt tut Not!
Ich sage Ihnen heute beim 10 jährigen Jubiläum der Orbtalschule: (betriebswirtschafltiche) Bildung tut Not!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen noch einen schönen Tag hier an der Orbtalschule und hoffe, dass es mir gelungen ist, Sie neugierig zu machen auf die Herausforderung lebenslanges Lernen.

 
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